
FRISCH: Wie ist das mit Wein? Eine Stadt mit so vielen Klöstern hat doch sicher großen Bedarf an Messwein? Der Dom …
LEMME: Ja, da muss ja auch so was sein, unser Bischof kriegt ja immer den Zehnten. Das ist der Magdalenengarten hier hinten. Wer gehört denn da dazu? Da sind ein paar Leute, die da Wein anbauen. Das ist der Weinkonvent.
SUNDERMEYER: Und in Ottbergen haben sie was angefangen vor fünf Jahren, so’n kleines Stückchen zu machen.
LEMME: Ansonsten ist Wein … Bei uns am Haus, bei meiner Mutter ist ein Weinstock, und bei meinem Vater war auch ein Weinstock. Aber da wurde kein Wein draus gemacht.
FRISCH: Nicht gekeltert oder so was.

LEMME: Doch, einmal. Ich weiß noch, mein Großvater … da wurde mal eine Kiste Wein, die meine Eltern bestellt hatten, angeliefert mit der Post, meine Eltern waren nicht da, ein Haut-Sauterne, das ist so ein schwerer süßer Wein. Und Großvater will mal gucken, was da so angeliefert wurde, und macht eine Flasche auf und probiert. Dann hat er den Korken wieder drauf gesteckt und gesagt: „Uise Wein smekket better.“ Er hatte nämlich selber welchen angesetzt. Das war eine höllische Schweinerei! Hinterm Ofen blubberte dieses Ding da und das stank die ganze Zeit in der Küche rum. Also es war wirklich kein Vergnügen, dieser Wein, diese Weinkelterei.
SUNDERMEYER: Demnächst gibt es hier wieder Weinanbau. Dieses Jahr fang ich noch an. Ich hab schon nen Weinberg stehen.
SCHÜRER: Und was für eine Traube?
SUNDERMEYER: Das sind Tafeltrauben. Speziell Tafeltrauben, die mehltauresistent sind und die man eigentlich zum Essen verkaufen kann. Aber da wir die Mosterei haben, habe ich gesagt, dann probier ich das ruhig mal mit drei Reihen.
SCHÜRER: Es gibt ja hier herum wenige Lokale, die besonders ambitioniert kochen, also wenige ausgesprochen feine Restaurants. Und auch Hannover ist nicht übersiedelt mit „großen“ Küchen. Ist diese Gegend hier, sagen wir mal, den feinen Genüssen nicht so zugeneigt?
LEMME: Das hat hier keine Tradition. Das gibt es in Hamburg oder in München oder Düsseldorf, aber nicht in Hildesheim. Hildesheim ist Provinz und dazu nur eine kleine Kreisstadt in der Provinz.
SCHÜRER: Nun, in Süddeutschland gibt’s viele kleine Städte, die mehr oder weniger feine Lokale haben.
SUNDERMEYER: Die haben vielleicht auch das Umfeld dafür, also Leute, die dann mal zwanzig, dreißig Kilometer fahren, weil das eben so gut ist. Da ist eben die Käuferschicht da, die das haben möchte. Aber hier nicht. Das hat man ja gesehen, oben mit der Kupferschmiede. Die hat sich dann einfach nicht mehr halten können. Und wenn Sie mal essen gehen, sehen Sie: Die Lokale sind nie voll.

FRISCH: Und traditionell hildesheimerisch?
LEMME: Das ist alles so eingefärbt inzwischen. Jeder hat dann irgendwo gedacht: „Nouvelle cuisine“, das ist es. Dann wird so ein bisschen was Amerikanisches dazugepackt … Ich denke, die traditionelle Küche findet man vor allem in irgendwelchen Häusern.
FRISCH: Also wenn man hierher kommt und man möchte die Hildesheimer Küche kennen lernen, muss man sich privat einladen lassen?
LEMME: Ja, ich denke schon. Ich habe gestern noch mit einer Freundin gesprochen: „Kannste mir mal das Rezept von Spanisch Frico geben?“ Und alle geraten in Verzückung, weil das so was Tolles ist.
FRISCH: Was ist das?
LEMME: Das sind Kartoffeln und Mett, oder früher war es Rindfleisch oder Hammel, je nachdem, was es so gab, und Zwiebeln. Und das wird alles in einen Pott getan und traditionell wird es im Wasserbad gekocht, aber man kann es auch auf der Herdplatte oder im Ofen kochen. Zum Schluss wird noch mal saure Sahne drüber gegeben und mit ordentlich Pfeffer und Salz und – ganz wichtig! – Lorbeerblättern abgeschmeckt. Das ist ein ganz altes Rezept von 1890, glaub ich, hat Henriette Davidiis schon in ihrem Kochbuch beschrieben.
SCHÜRER: Wer ist das?
LEMME: Henriette Davidiis. Das ist, glaube ich, eine der ersten Frauen, die ein Kochbuch geschrieben hat.
FRISCH: Was gibt’s denn bei einer Einladung, wenn Leute kommen? Wie sieht der Tisch dann aus? Gibt’s da einen Tafelaufsatz, schöne Tischdecken …
SUNDERMEYER: Wir haben nen Holztisch anfertigen lassen für unsre Küche. So ne Platte 1,20 mal 3 Meter. Und so richtig stabile Sessel. Auch aus Holz. Da braucht man zwei Leute, um die zu verschieben. Und ne große Bank. Aber das ist meist zu klein. An den Tisch passen nur acht bis zehn Leute, wir sind meistens aber 14.
FRISCH: Was gibt’s dann zu essen?
SUNDERMEYER: Was gibt’s zu essen … Rippchen.
LEMME: Rippchen, das ist auch was typisch Niedersächsisches! Rippchen, mit was? Mit Sauerkraut?
SUNDERMEYER: Nee, mit Krautsalat.
LEMME: Krautsalat und Ofenkartoffeln.

SUNDERMEYER: Ja, Rosmarinkartoffeln machen wir. Und die Rippchen nicht so wie diese Sparerips. So’n Zeug nicht. Da ist dann viel Fleisch drauf. Und die müssen so bei 120, 130 °C mindestens drei Stunden in den Ofen. Und dann gibt es hier nen Gewürzhändler auf dem Ratshausmarkt. Der kommt aus Pattensen. Und der hat eine Gewürzmischung, die nennt der Gyrosmischung – ohne Knoblauch ist die. Da ist dann Rosmarin, Basilikum und was weiß ich noch alles mit drin. Und das richtig schön dick. Und da essen wir uns richtig schön satt. Also die Leute gehen dann immer nur gekugelt weg. Und wir machen zweimal im Jahr eine lange Kinonacht …
SCHÜRER: Wie? Bei Ihnen auf dem Hof?
SUNDERMEYER: Nein, ich hab ja auch ein Privatleben.
SCHÜRER: Ach so. Das hört sich doch viel versprechend an.
SUNDERMEYER: Ich bin Kinofan. Ich hab ein kleines Heimkino und wir haben einen kleinen Kinoklub, da machen wir zweimal im Jahr eine Kinonacht. Und da gibt’s immer ein Essen dazu. Wir hatten jetzt letztes Jahr „Herr der Ringe“. Da haben wir von morgens um zehn bis nachts um eins alle drei Teile geguckt.
FRISCH: Was gab’s denn da? Zu „Herr der Ringe“.
SUNDERMEYER: Da gab’s Rippchen! Richtig was Fleischiges. Richtig blutrünstig.
FRISCH: Gab’s auch mal nur Salat?
SUNDERMEYER: Nur Salat hatten wir noch nicht.
FRISCH: Und Grünkohl? Was gab’s da für einen Film dazu?
SUNDERMEYER: Das weiß ich nicht mehr.
FRISCH: Was isst man denn beim Leichenbegängnis, wenn alle Hinterbliebenen …
LEMME: Da gibt’s Schnittchen und Zuckerkuchen.
SUNDERMEYER: Ja. Schnittchen und Zuckerkuchen.
FRISCH: Zuckerkuchen?
LEMME: Zuckerkuchen und Schnittchen.
SCHÜRER: Also sehr spartanisch.
SUNDERMEYER: Das ist normal hier.
LEMME: Das ist normal.
SCHÜRER: Im Süden gibt es den Leichenschmaus, und da ist die Idee, man soll möglichst viel essen und viel trinken und gesellig sein, weil ja einer fehlt, damit die Leute, die traurig sind … dass es denen wieder besser geht.
FRISCH: Das sind manchmal richtige Feste, man isst und trinkt und feiert, dass man nicht auf dem Friedhof geblieben ist.
LEMME: Ich kenne nur eine Beerdigung wo wir geschmaust und getanzt haben …
SUNDERMEYER: … das war der Erbonkel.
LEMME: Nee, das war von meinem Mann die Großmutter. Also das war wirklich so, aber sonst … also Weihnachten, da wird üppig aufgefahren, da gibt’s ne Suppe und nen Nachtisch und nen Salat, da gibt’s eben alle Gänge, aber bei einer Beerdigung …
FRISCH: Vielleicht zum Schluss noch die fröhlichen Anlässe: Von einer Biersuppe habe ich mal gehört. Ein klassisches Hochzeits- oder Weihnachtsessen?
SUNDERMEYER: Nee. Null. Bei uns nicht.
SCHÜRER: Was gehört denn hier zum Hochzeitsfestessen?
LEMME: Hochzeitssuppe gehört dazu. Das ist so diese traditionelle Rindfleischsuppe, die mit Suppengrün angesetzt wird, wo dann hinterher, wenn sie klar und fertig ist, Nudeln dazu kommen, Mettklößchen und Eierstich und ein bisschen klein geschnittenes Gemüse. Und um diese Suppe zu klären, damit sie auch schön klar bleibt, und das Eiweiß aus dem Fleisch nicht ausflockt, gibt man meistens eine Scheibe Brot mit rein. Das Brot bindet dann das Eiweiß, und dann ist die Suppe sehr klar und sehr schön hell. Doppelte Kraftbrühe Royal. Und traditionell gibt es bei solchen Veranstaltungen häufig Braten. Rinderbraten und Schweinebraten.
SUNDERMEYER: Also zwei Arten von Braten.
LEMME: Und dann gibt es Gemüse dazu. Möhren, Blumenkohl, Erbsen …
SUNDERMEYER: Schwarzwurzeln vielleicht.
LEMME: Ja, oder Spargel, je nachdem. Und dazu gibt es natürlich Kartoffeln, schöne kleine Kartoffeln.
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