
Schon beim Eintreten in die Bäckerei ist unser großstädtischer Freund vielleicht erst einmal überrascht: Statt orientalischer Betriebsamkeit und türkischer Subkultur à la Kreuzberg bestimmen dunkle Holzmöbel der Kategorie „gediegen“ die Atmosphäre des Raums – und eine Kundschaft, die sicherlich zur Hälfte aus Deutschen besteht. Der Blick auf die angebotenen Backwaren führt ihm schnell vor Augen, dass er sich hier in einer besonderen Bäckerei befindet: Neben diversen Sorten Fladenbrot, Blätterteiggebäck und vielen herrlichen türkischen Süßigkeiten, allen voran Baclavar, liegen Croissants (ganz vorzügliche, übrigens!), Plunderteilchen und wunderbare Brötchen.

Alle diese Waren duften erkennbar frisch, alle werden für diese und die zweite Verkaufsstelle an der Schuhstraße in der eigenen Backstube eigens zubereitet. Dabei ist die Bäckerei keineswegs ein überteuertes Spezialitätengeschäft, im Gegenteil. Hier gilt das Motto: Qualität bei kleinen Preisen, und für Studenten gibt es nochmal Extrarabatte. Die Mitarbeiter gehören fast alle zur Familie, der Vater war schon Bäckermeister im türkischen Urta, in der Nähe der syrischen Grenze.

Seit 2001 gibt es die Bäckerei Duygu nun in Hildesheim und das Konzept, eine Bäckerei für alle Hildesheimer zu sein geht auf: Duygu ist eine immer öfter genannte Empfehlung, bei Deutschen ebenso beliebt wie bei Türken, bei Jugendlichen ebenso wie bei Älteren, bei Feinschmeckern ebenso wie bei preisbewussten Studenten. An Sonntagvormittagen, an denen die Bäckerei von 8-12 Uhr geöffnet hat, kann man hier zuweilen Autos in zweiter und dritter Reihe vor der Tür parken sehen, so groß ist der Andrang.
Unserem Gast empfehlen wir, hier für kleines Geld eine mit Fetakäse gefüllte Blätterteigstange zu kaufen – als erste Einstimmung und Stärkung – um uns dann weiter auf einem kulinarischen Spaziergang durch Hildesheim zu folgen.

Unser nächstes Ziel ist nämlich die Osterstraße, Hildesheims zweite Einkaufsstraße, die parallel zur ‚eigentlichen’ Fußgängerzone verläuft, der Almsstraße. Statt der dort mittlerweile dominierenden Handelsketten gibt es in der Osterstraße noch viele inhabergeführte Geschäfte – wie den Tee- und Naturkostladen „Samowar“.
Beim Blick ins Schaufenster fallen unserem Freund sofort die kleinen verspielten Teeservicen auf – aber auch das Schild an der Ladentür. Darauf steht, dass der Laden von einer komplett sich vegetarisch ernährenden Belegschaft geführt wird. Das klingt nach Bekenntnis: Offensichtlich werden die hier angebotenen Lebensmittel aus einer bestimmten persönlichen Überzeugung heraus gehandelt.

Der Laden ist dreigeteilt: Links hinten eine duftende, überwältigend reiche Auswahl an Teesorten, denen der „Samowar“ ursprünglich seinen Namen verdankt. Hier findet man vom heimischen Heilkraut bis zu edelsten indischen Darjeeling- oder chinesischen Weißteesorten alles. Jeder Tee wird in jeder gewünschten Menge auf einer wunderschönen alten Kaufmannswaage abgewogen. Zur vollendeten Teekultur wird natürlich ein vielfältiges Sortiment an Kannen, Tassen und Zubereitungsutensilien angeboten. Im Eingangsbereich des Ladens finden sich Kleinigkeiten zum „Mitnehmen“, Bio-Schokoriegel, Bio-Gummibären etc.

Auf einem Tisch sind Küchengeräte der Hildesheimer Firma Lurch präsentiert, besonders schön: die Welfenbackformen … Im rechten Ladenteil dann das komplette Sortiment eines kleinen, aber feinen Bioladens, mit Bioprodukten aller Art – allesamt vegetarisch, natürlich –, mit frischem Gemüse, und sogar einer Käsetheke. Eine Zeit lang, so erfahren wir im Gespräch mit Norbert Gursch, war „Samowar“ Alleinvertreter für Makrobiotik in Hildesheim. Sie seien jedoch keine missionarischen Vegetarier, auf Wunsch würde man durchaus schon das eine oder andere Stück Fleisch für Kunden bestellen.
Mit dem Reisenden, den wir inzwischen zu einem gemeinsamen Abendessen in Hildesheim überredet haben, nehmen wir hier, weil die Käsetheke doch besonders verführerisch ist, einen Bioland-Gouda aus Schafsmilch.

Derart beladen, sind wir froh, dass wir zum nächsten Hildesheimer Spezialitätengeschäft nicht weit gehen müssen. In der Tat ist es ein besonderer Vorteil dieser Stadt, dass fast alle Geschäfte unserer Tour in angenehmer Entfernung zueinander liegen. Die Weinhandlung „Kusch“, unser nächstes Ziel, befindet sich ebenfalls in der Osterstraße.
Hier ist der Reisende, der vielleicht aus Süddeutschland kommt, vielleicht sogar aus einer Weinregion, beeindruckt von der reichhaltigen Auswahl, der hohen Qualität und der Weinkompetenz einer „norddeutschen“ Weinhandlung.

Um die 600 Weine führt Inhaber Axel Kusch derzeit in seinem Sortiment, alle haben sich, so versichert Kusch erst „in Vergleichsproben mit anderen Weinen einen Platz in unserem Regal verdient.“ Kusch bietet uns eine Führung durch das Geschäft an und erzählt aus dessen Geschichte. 1947 eröffnete Walter Kusch sen. und Werner Kusch in einer Kellerruine eines der ersten Lebensmittelgeschäfte nach dem Krieg. 1952 zog das Geschäft in den Neubau in der Bahnhofsallee und blieb bis 1970 ein Feinkost- und Lebensmittelgeschäft. 1970-1992 spezialisierte Kusch sich auf Weinhandel als Direktvertrieb ohne Ladengeschäft. 1992 wurde ein Weinfachgeschäft in der Bahnhofsallee eröffnet und im Jahr 2000 eröffnete Axel Kusch das Geschäft in der Osterstraße mit einem großflächig gezeigten umfassenden internationalen Weinsortiment und mit Parkplätzen im Hinterhof.

Kusch ist Weinhändler mit Passion und legt großen Wert auf engen Kontakt zu Produzenten sowie persönliche Selektion und Pflege seines Sortiments. Besonders atmosphärisch sind die Weinproben im alten Gewölbekeller. Für Hildesheim hat Kusch eigens einen „Knochenhauer Amtshaus Rotspon“ erfunden in Anlehnung an den Lübecker Rotspon. Mit diesem hatten einst die Weinhändler der Hansestadt Lübeck die Truppen Napoleons überrascht, da der Bordeaux in ihren Kellern besser war, als der Wein, den Napoleons Generalität mitführten.

Mit seinem „Knochenhauer Amtshaus Rotspon“ möchte der Weinhändler Axel Kusch in der ehemaligen Hansestadt Hildesheim heutige französische Reisende mit seinem Bordeaux ebenso betören, wie die Lübecker Napoleons Soldaten – selbstverständlich nicht nur französische.
Auf der Rückseite der Flasche steht zu lesen:
2004 Knochenhauer Amtshaus Rotspon, Bordeaux A.C.
Schon im 14. Jahrhundert brachten Kaufleute der Hansestädte auf dem Rückweg von ihren Salz-, Fisch,- oder Getreidefuhren nach Frankreich edle Bordeauxweine in den Norden. Da die Eichenholzfässer, in denen der Wein
transportiert wurde, dessen Farbe annahm, wurde der abgefüllte Tropfen „Rotspon“ (=roter Span) genannt, je nach Heimathafen Lüneburger, Hamburger oder Lübecker Rotspon. Mit dem Niedergang der Hanse ging die Erinnerung an den Rotspon fast völlig verloren. Axel Kusch, Weinhändler in Hildesheim, hat sich der Tradition des Rotspons wieder angenommen. Auch wenn der aufwendige Transport in Handelskoggen über das Meer heute nicht mehr erforderlich ist, so ist die Lagerung in Eichenholzfässern ein bestimmendes Merkmal dieses
außergewöhnlichen Weins.
Vor den Toren von Bordeaux liegt das Weingut Chai de Bordes. Seit 1844 im Weinbau tätig, erzeugt die Familie Quancard hier für den Rotspon eine exklusive Prestige Cuvée der besten Reben aus 80 % Merlot und 20 % Cabernet Sauvignon, die durch den sorgfältigen Ausbau im Barrique noch gewinnt. In der Verkostung präsentiertsich der Jahrgang 2004 mit einer vollen, granatrotenFarbe und intensiven, fruchtigen Duftnoten. Die typischen Merlot-Eigenschaften von großer Fülle und reifen Gerbstoffen werden im langen Abgang ergänztvon den Geschmacksnoten getrockneter Früchte und gerösteten Brotes.
Unser Reisender fühlt sich angesprochen und will probieren... Wir erwerben gleich zwei Flaschen „Knochenhauer Amtshaus Rotspon“ für das Abendessen und begeben uns - wohin wohl? - natürlich zum Knochenhauer Amtshaus.